kultuRRevolution | »Ein 11. September der Finanzmärkte« – zur Kollektivsymbolik der Finanzkrise
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»Ein 11. September der Finanzmärkte« – zur Kollektivsymbolik der Finanzkrise

»Ein 11. September der Finanzmärkte« – zur Kollektivsymbolik der Finanzkrise
Zwischen Apokalypse, Normalisierung und Grenzen der Sagbarkeit.

– von Jürgen Link

Das Fernsehen ist ein Bildmedium, das nicht bloß in seinem mediounterhaltenden, sondern auch und gerade in seinem mediopolitischen Interdiskurs auf Bebilderung angewiesen ist. Dabei fordert der mediopolitische Interdiskurs aber zusätzlich Authentizität ein: Die Bilder müssen »Fakten, Fakten, Fakten« (Focuschef Markwordt) repräsentieren. In Bedienung dieser Vorgaben erwiesen sich die Bankentürme, in Deutschland die Frankfurter Bankentürme, als die dominanten Kollektivsymbole der Finanzmärktekrise vom Herbst 2008. Bis in die Nachrichtensendungen hinein wurde uns allabendlich stereotyp die Silhouette der Hochhäuser des Westends gezeigt. Es wäre interessant gewesen, durch eine allerdings erst noch zu entwickelnde Umfragemethode ein repräsentatives Bild der Assoziationen zu erhalten, die das normale Fernsehpublikum mit dem Bild der Türme verbunden hat – und zwar direkt in der Situation der Aktualität, also im metonymischen Kontext der abwärts gerichteten (»stürzenden«) Kurven der Börsenkurse und der Händler, die sich am Kopf kratzten, wie sie ebenfalls stereotyp gezeigt wurden. Statt einer fehlenden Erhebung der empirischen Rezeption soll im folgenden eine einigermaßen exakte Analyse der objektiven diskursiven Strukturen gegeben werden, in der allerdings deutliche Vorgaben für eine »normale« Rezeption (Subjekt-Applikation) bereits enthalten sind.

Dabei ist die erste These, dass wir es überhaupt mit symbolischen Strukturen zu tun haben. Damit ist gemeint, dass die Bilder der Türme eben nicht bloß »Fakten, Fakten , Fakten« sind, sondern dass ihrer Bild-Seite (ihrer Pictura) eine darüber hinausgehende Sinn-Seite (eine Subscriptio) entspricht. Das wird sehr deutlich bei Fotos der Türme, die das Sterotyp eines »drohenden« Himmels inszenieren. Wovon ist ein Hochhausturm unter Umständen bedroht? Natürlich vom Einsturz bzw. vom »Kollaps«, wie es mehrdeutig heißt (auf diese Mehrdeutigkeit wird zurückzukommen sein). Der dunkle Himmel erinnert zum Beispiel an den dunklen Schatten des fatalen feindlichen Raum- schiffes über den Türmen von New York im Hollywoodschlager Independence Day. Mit dem Disaster Movie und allgemeiner der Disaster Story ist ein konkreter symbolischer Kontext gegeben, mit dem das Bild der Türme zum Beispiel assoziativ aufgeladen werden kann, nicht muss. Zur Pictura gehört in diesem Fall nicht nur der Turm, sondern auch eine unheimliche Bedrohung des Turms vom Himmel her:

P(ictura)
p1: Turm
p2: drohender Himmel
p3: drohender Einsturz (Kollaps)

Was ist der Sinn, die Subscriptio? Das Picturapaar Turm-Einsturz konntotiert ein absolut basales Konzept vermutlich aller Kulturen, insbesondere aber einer modernen, von hoher Dynamik gekennzeichneten, Kultur: das Konzept der »Stabilität«. Und tatsächlich haben wir ja in den kurzen Ausschnitten aus Erklärungen von Politikern, allen voran Angela Merkel, und Experten stereotyp gehört, dass die »Stabilität« unserer sozialmarktwirtschaftlichen Finanzmärkte in Gefahr sei und dass es keine Alternative dazu gäbe, mit locker 500 Milliarden Euro (fast zwei Bundeshaushalten) unsere Märkte zu »stabilisieren«. Also:

P(ictura) / S(ubscriptio)
p1: Turm / s1: Stabilität der Banken
p2: drohender Himmel / s2: Destabilisierung der Banken
p3: drohender Einsturz / s3: drohender Totalkollaps der Banken

Nun ist Himmel (anders als im Englischen, wo es sky und heaven gibt) doppeldeutig: Es kann auch eine metaphysische, religiöse Konnotation haben. In diesem Falle assoziiert die kompetente Rezipientin mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit bei dem Turm den biblisch-mythischen Turm von Babel, beim drohenden Himmel Gottes Zorn über die Hybris der Menschen und beim drohenden Einsturz die Strafe Gottes. Damit sind wir beim semantischen Komplex »Gier« (englisch greed), der zum religiösen, insbesondere kalvinistisch-puritanischen Diskurs gehört: Gier ist Sünde (die schlimmste neben zu viel Sex). Aber greifen wir nicht vor.

Neben der Bankensilhouette in der Totalen sahen wir einzelne Türme typischerweise in schiefer Aufnahme. Damit war symbolisch die »Schieflage« konnotiert, eben der drohende Verlust der »Stabilität«. Ferner kann der Kollaps eines Turms auch mit seinem Brand kombiniert sein (wie am 11.9.) – dagegen wird dann die Feuerwehr eingesetzt. Was bleibt schließlich, wenn ein Turm tatsächlich zusammenbricht? Wie wir wissen, ein »Ground zero« (dazu weiter unten), ein »Boden«. Tatsächlich suchen die Börsen im Crash ein »bottom building«, eine »Bodenbildung« – wenn die Gebäude wanken, bleibt immer noch der Erdboden als letzte »Stabilität«.

Alle bisher erwähnten Bildelemente zeichnen sich durch eine wichtige Doppelstruktur aus: Es handelt sich sowohl um »Fakten« (man kann das fotografieren) als auch um Metaphern (dunkle Wolken ›stehen für‹ etwas anderes, z.B. Gottes Zorn). In Begriffen der Rhetorik sind diese Bilder gleichzeitig Synekdochen (partes pro toto), Metonymien und Metaphern. Diese mehrfache Lesbarkeit ist typisch für kollektiv verbreitete, stereotype, im Alltag verankerte »Sprachbilder«, die deshalb Kollektikvsymbole heißen sollen.

Nicht jederzeit fotografieren lassen sich Bedrohungen der Stabilität von unten, sogar von unterhalb des »Bodens«: durch Erdbeben und/oder Fluten. Diese Elemente des Kollektivsymbols (dominant metaphorisch) werden also sprachlich hinzugesetzt, ebenso wie ein »Schirm«, der die Türme gegen den Himmel schützen soll – so dass das Kollektivsymbol insgesamt die folgende Struktur besitzt:

P(ictura) / S(ubscriptio)
p1: Turm / s1: Stabilität der Banken
p2: drohender Himmel / s2: Destabilisierung der Banken
p3: drohender Einsturz / s3: drohender Totalkollaps der Banken
p4: schiefer Turm / s4: Schieflage der Banken
p5: Boden / s5: letzte Stabilität
p6: Erdbeben / s6: plötzliche Krise der Finanzmärkte
p7: Flut (Tsunami) / s7: plötzliche Krise der Fi- nanzmärkte
p8: Großbrand / s8: Bankrott der Banken
p9: Feuerwehr / s9: Staat als Retter
p10: Schirm / s10: Paket vom Staat

Dass die Bankentürme zunächst einmal Stabilität symbolisieren, zeigen ferner auch stereotype Kombinationen (Katachresen) mit anderen Kollektivsymbolen, wie z.B. mit Domino-Steinen. Dabei betont der sogenannte »Domino-Effekt« das Proliferationsrisiko: Eine umkippende Bank kann die nächste umreißen usw. Die »Schieflage« signalisiert eine weitere Katachrese: Nicht bloß ein Gebäude (ein Turm) kann schief stehen, sondern auch ein Schiff (ein Boot) kann schief liegen, wenn es leck und vom Untergang bedroht ist. Dabei werden viele Rezipientinnen die berühmte Titanic assoziieren, worauf ebenfalls zurückzukommen sein wird.

So wie die »Schieflage« weist auch der »Kollaps« in Richtung einer Katachrese: Das fundamentale Symbol, das in seiner Vertikalität vom Sturz bedroht ist, ist selbstverständlich der menschliche Körper – wenn der Himmel über ihm bricht oder der Boden unter ihm wankt, verliert er sein »Gleichgewicht« – und wenn sein Herz versagt, kann das womöglich den tödlichen »Kollaps« bedeuten. Glücklicherweise ist nicht jeder Kollaps tödlich – hier schließen sich symbolisch alle Krankheiten, Diagnosen (wie Fieberkurven) und Therapien an, die daher ebenfalls zur Kollektivsymbolik der Krise gehören:

»Das Finanzsystem lässt sich derzeit mit einem menschlichen Körper vergleichen, in dem alle Organe das Blut, das sie gerade angesammelt haben, bei sich behalten und nur noch ganz wenig davon in den Kreislauf geben. Da kann das Herz – also die Notenbanken mit ihren kurzfristigen Finanzspritzen – so viel pumpen, wie es will, solange die verkrampften Muskeln nicht gelockert werden und das Blut wieder fließen darf, droht das ganze System früher oder später auszutrocknen.« (Holger Paul, FAZ 6.10.2008, S. 11). Also:

P(ictura) / S(ubscriptio)
p1: Körper / s1: Finanzsystem
p2: Blut / s2: Geld
p3: Organe / s3: Banken
p4: Muskelkrampf / s4: Kreditsperre
p5: Herz / s5: Notenbank
p6: Herzschlag / s6: Kredite Notenbank
p7: Kollaps / s7: Zusammenbruch, Finanzsystem

Als die erste große Welle der Bankkollapse überstanden schien (Ende Oktober 2008), schaltete der mediopolitische Diskurs bereits wieder auf den Bau neuer Gebäude um, die allerdings zunächst recht abstrakt blieben: Als Hit der Global Players der »Rettung« proliferierte (wie ein »Tsunami«) die »neue Finanz-Architektur«. Wie die genau aussehen sollte, wusste niemand – offensichtlich war aber an postmoderne Glasarchitektur gedacht, wie das Leitmotiv »Transparenz« nahelegte. Ob Glas aber auch »stabil« genug sein wird? Wohin ferner mit den »Blasen«? Kollektivsymbolisch kon- notieren sie Ballons: beide platzen. Jedenfalls sind sie hoch oben in der Luft vorgestellt, symbolisch äquivalent mit den Oberteilen instabil hoher Türme.

Gitter der Katachresen

Ich hatte einige Elemente des bisher erörterter Materials antizipierend bereits als spezifisch charakterisiert: Es waren die Elemente Turm von Babel, Independence Day, Ground zero, Tsunami und Titanic. Während Türme und Körper überzeitliche Strukturbilder parathalten, geht es bei diesen Elementen um symbolische Ereignisse, teils mythische und teils historische. So symbolisiert der Untergang der Titanic am 15. April 1912 nach ihrer Kollision mit dem Eisberg noch immer den plötzlichen Kollaps eines hochtechnischen Fortschritts-Vehikels und darüber hinaus den unvorhergesehenen Kollaps einer modernen Gesellschaft oder Kultur. Dieses symbolische Ereignis wurde in der aktuellen Krise des Kapitalismus pathetisch reinszeniert. Ein analoges Ereignis war die Kernschmelze von Tschernobyl am 26. April 1986: Insbesondere in den USA erschien die Krise symbolisch als meltdown, aber auch hierzulande war von Kernschmelze und GAU die Rede. In den USA wurde auch Pearl Harbor assoziiert.

Die auffälligste symbolische Analogie mit einem aktualhistorischen Ereignis stellt jedoch zweifellos die Formel vom »finanziellen 11. September« dar. Ich hätte z.B. eine Karikatur wie diese für in den hegemonialen Medien ›unmöglich‹ gehalten (wegen extremer »Pietätlosigkeit«, und weil Banken dort als »Terroristen« symbolisiert werden), musste mich aber, wie man sieht, falsifizieren lassen. Hier eine sprachbildliche Version:
»Die Krise hat noch weit größere Dimensionen als jene, die dem Anschlag auf die Zwilllingstürme und ihrem Einsturz vor sieben Jahren folgte. Denn der Angriff auf uramerikanische Glaubenssätze ist dieses Mal nicht das Werk äußerer Feinde. Er kommt von innen, aus den Tiefen des Systems. Der amerikanische Kapitalismus brachte, weitgehend unbedrängt von staatlicher Kontrolle, seine eigenen Selbstmordattentäter hervor, deren Sprengsätze, die Derivate, selbst noch die Wirkung der fliegenden Bomben der Dschihadisten übertreffen. Nicht nur New York, die ganze Welt hat einen neuen ›Ground zero‹: Wall Street.« (Berthold Kohler, FAZ 26.9.2008).

Ein Netz von historischen Analogien wie das der aktuellen Krise (9/11, Titanic, Tschernobyl) skizziert mehrere narrative Linien, deren Grundstruktur in einer »mittleren Geschichte« besteht, wie ich historische Narrationen zu nennen vorgeschlagen habe, die sich sozusagen ›zwischen‹ den »Großen« und den »Kleinen Erzählungen« bei Jean-François Lyotard situieren lassen. Es sind Geschichten mit kollektiven historischen Akteuren wie z.B. Nationen oder Kulturen, wie sie stückweise in den Massenmedien über mittlere Zeiträume ›gestrickt‹ werden: etwa die Geschichte vom Wettlauf der großen westlichen Nationen um den Fortschritt, oder die vom Kalten Krieg zwischen dem freien Westen und dem totalitären Osten, oder die vom War on Terror. Bei solchen von einer Vielzahl von Medienleuten in vielen Texten quasi spontan entwickelten »mittleren Geschichten« spielt die Kollektivsymbolik (einschließlich des Gitters historischer Analogien) die Rolle einer Art narrativen Canevas.

Überblickt man die Kollektivsymbolik und die narrative Struktur (mittlere Geschichte, Mythen) der Krise vom Herbst 2008 in ihrer Gesamtheit, so handelt es sich bereits jetzt (Ende Oktober 2008) um eine selten so geballte »Verdichtung«, die auf ein ganz außergewöhnliches Ereignis verweist. Die Kategorie der »Verdichtung« hatte bekanntlich Freud in der Traumdeutung entwickelt und generell als Grundstruktur des (zunächst individuellen) Unbewussten postuliert. Wie sich zeigt, wird auch die manifeste Kollektivsymbolik der medialen Interdiskurse nach analogen Gesetzmäßigkeiten strukturiert.

Das bisherige Material schien die Krise als ein Ereignis bzw. einen Prozess ohne Akteure, geradezu ohne Subjekte zu symbolisieren (wenn man von mythischen Akteuren wie Gott vorläufig noch absieht). Nun finden sich aber auch Kollektivsymbole der Krise, bei denen Akteure konstitutiv sind. Das wichtigste ist das Spiel-Symbol (auch: Casino-Kapitalismus, Lotto-Kapitalismus, Global Players, Chancen und Risiken usw.). Spieler sind personale Interakteure, man stellt sie sich wie Pokerspieler mit je eigenem »Charakter« um einen Tisch oder wie Roulettespieler um den Spieltisch herum vor. Strukturell analog damit ist das darwinistische Kollektivsymbol des »Kampfs ums Überleben«, das der mediopolitische Diskurs in der Krise ebenfalls ganz naiv verwendet: »Kann Lehmann überleben?« usw.
Spieler wie Überlebenskämpfer sind personale Interakteure, und wir wollen eine Geschichtsauffassung, bei der die historischen Ereignisse als jeweilige Resultate eines kooperativen oder feindlichen Zusammenspiels der beteiligten Personen aufgefasst werden, diejenige des interpersonalen Interaktionismus nennen.

Auf die Krise angewandt, sind wir damit zum Beispiel bei einer sogenannt »ethischen« bzw. moralisierenden Betrachtung, die nach der »Schuld« personaler Subjekte im Sinne unmoralischer Intentionen fragt. Ist z.B. Ackermann mit seiner »Gier« schuld (benchmark von mindestens 25% Profit jährlich und astronomische Gehälter, Boni und Abfindungen)? Oder einzelne Trader, die noch einer bankrotten Bank gutes Geld nachwerfen? Oder einzelne völlig »abgehobene« »Spekulanten«? Haben sich einzelne Banker nicht an die »Spielregeln« einer »good governance« für Banken gehalten? Vergleicht man solche Fragen von Bischöfen und Medienpfaffen mit den oben behandelten Kollektivsymbolen von Erdbeben und Fluten, so tritt ein möglicherweise grotesker Kontrast hervor. Tatsächlich haben wir es ja bei den elektronischen »Strömen«, in denen die Realexistenz der Finanzmärkte besteht (ein großer Teil des Börsenhandels wird sogar von Computerprogrammen automatisch getätigt) und wo in kurzer Zeit Billionen (europäische, nicht amerikanische Billionen: amerikanisch also trillions) Dollar oder Euros um den Globus geflutet werden, mit einer Massendynamik zu tun, bei der die Moral eines einzelnen Akteurs und seine Intentionen buchstäblich nicht zählen.

In dieser Massendynamik lassen sich die Ereignisse nicht als Resultate interpersonaler Interaktionen erzählen, weil die Interaktionen sich in Sekunden derartig massenhaft aggregieren, dass die Ereignisse (etwa vom Typ eines Crash) als Folgen von transsubjektiven Proliferations-Prozessen, häufig ausgelöst von kontingenten Kombinationen transsubjektiver »Signale«, darunter auch von Kollektivsymbolen, begriffen werden müssen.
Wir haben es bei dieser Dichotomie von interpersonalem Interaktionismus und Massendynamik mit einem diskursiven Dualismus im strengen Sinne zu tun: das eine ist mit dem anderen völlig inkompatibel. Diese Inkompatibilität ist jedoch im Diskurs selbst unsagbar, und der Diskurs verleugnet den Dualismus. Typisch dafür ist die Bildung von Pseudo-Subjekten der Massendynamik wie vor allem die Subjektivierung »der Märkte«. »Die Märkte« funktionieren diskursiv bekanntlich genauso wie Angela Merkels »Menschen«: sie »machen sich Sorgen«, sind »nervös«, »verlieren das Vertrauen«, geraten in »Panik«, »erholen sich«, »atmen durch«, »jubilieren« wieder usw.

Diese Doppeldeutigkeit zwischen interpersonalem Interaktionismus und Massendynamik gilt auch für andere Pseudo-Subjekte wie »die Spekulanten«: soweit man sich dabei einzelne Schwerenöter vorstellt, handelt es sich um interpersonalen Interaktionismus – im allgemeinen aber werden »die Spekulanten« als subjektlose Masse fantasiert, die als »Flut« über »die Märkte« hereinbricht. Ebenso werden »der Markt« und »der Staat« zu zwei personalen Subjekten, die Poker oder ein anderes Spiel gegeneinander spielen. Und dass im Überlebenskampf wie beim Kampf um die Rettungsboote der Titanic niemand Rücksicht nehmen kann, ist ebenfalls trivial: Soviel wissen wir von Darwin, dass »die Evolution« nur die fitten Tiere auswählt und die Dinosaurier (wie GM) untergehen lässt. Dieser diskursive Dualismus bildet also eine erste Grenze der Sagbarkeit unserer hegemonialen (Inter-) Diskurse über die Krise.

Eine zweite Grenze der Sagbarkeit wird durch die apokalyptischen Elemente des Diskurses signalisiert. Die Apokalypse in ihrer religiösen Urform (jüdisch, christlich und islamisch) erzählt das »letzte Ereignis der Welt« – danach gibt es keine weltlichen Ereignisse mehr (nur noch himmlische oder allenfalls solche einer ganz anderen, verhimmelten Welt). Dieses letzte Ereignis ist von katastrophischer Kürze – es bricht unvorhergesehen in den empirischen Weltlauf ein und beendet ihn ein für allemal binnen kurzer Zeit. Jeder symbolische Rückgriff auf die Apokalypse im mediopolitischen Interdiskurs der Krise stellt also eine bewusste – und zwar extreme – Übertreibung dar. Wenn CNN titelt: »Armageddon was averted«, ist damit eigentlich bloß gemeint: »eine weitere Zuspitzung der Krise wurde abgewendet«. Warum dann die Vorliebe für apokalyptische Symbole und Mythen – worin besteht ihre Funktion?

Es handelt sich zum einen um eine sogenannte »Frühwarnung«, die signalisieren möchte, dass dringender Handlungsbedarf besteht, dass sofort gehandelt werden muss, um eine noch schlimmere Krise rechtzeitig abzuwenden. In normalistischen Kulturen wie den heutigen okzidentalen Kulturen bedeutet »Stabilität« konkret »Normalität«. Destabilisierung bedeutet also Denormalisierung, und Wiederherstellung der Stabilität heißt Normalisierung. Die erste Funktion der apokalyptischen Frühwarnung liegt also im Alarm über eine drohende außerordentlich schlimme Denormalisierung und einen Appell, alles für sofortige Normalisierung zu tun. Alles wiederum impliziert auch notständische Normalisierungsmaßnahmen wie Ermächtigungsgesetze, Notverordnungen und Notstandsregierungen. Insofern handelt es sich tatsächlich um eine sehr hohe Alarmstufe.

Eine zweite Funktion der Apokalypse besteht darin, die Notmaßnahmen als alternativlos erscheinen zu lassen: Da andernfalls die Apokalypse droht, die ja niemand wollen kann, »kommen wir nicht drumrum«, die Notstände und Ermächtigungen zu akzeptieren: »Da müssen wir jetzt eben durch.« Diese Funktion der Apokalypse impliziert also eine vollständige Passivierung ihres Publikums, d.h. der Bevölkerungsmehrheit – sie gibt den Notstandspolitikern freie Hand. Drittens aber und strukturell (den Subjekten unbewusst) liegt die wichtigste Funktion der apokalyptischen Diskurselemente in der Reproduktion einer weiteren Sagbarkeitsgrenze: derjenigen, die die aktualhistorische und empirische (nicht mythische) Denk-, Sag- und Wissbarkeit einer Krise irreversibler Denormalisierung betrifft, d.h. eines aktualhistorischen Prozesses, in dem eine lange Krise wachsender Denormalisierung (ökonomisch »Depression«) nicht zu einer Normalität zurückführen würde und an dessen Ende dann nichts Himmlisches, sondern etwas ganz neues, noch nicht bekanntes Irdisches emergieren würde.

Ein solcher alternativer Ausgang aus einer längeren, irreversiblen Denormalisierung heißt im hegemonialen Diskurs auch »Utopie« – und sie ist als »konkrete Utopie« (Ernst Bloch) im hegemonialen Diskurs unsagbar und undenkbar. Es ist diese wichtigste Sagbarkeitsgrenze des hegemonialen Diskurses, die jede Menge schreiender Widersprüche produziert, die dennoch niemandem auffallen. So wird im gleichen Atemzug ein »11. September des Kapitals« verkündet und dann von hochbezahlten »Weisen« prognostiziert, dass wir 2009 eine minimale Rezession sehen, dafür aber bereits 2010 uns wieder eines »robusten Wachstums erfreuen« werden. Da bleibt nur festzustellen, dass dieser hochbezahlte Diskurs offenbar eine Blase ist. Diskursive Blasen können aber sogar mit Gelächter zum Platzen gebracht werden.

In: kultuRRevolution nr. 55/56 februar 2009. S. 10-15.