kultuRRevolution | „Kontrollierte Explosionen“: Symbol des durchdrehenden Normalismus
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„Kontrollierte Explosionen“: Symbol des durchdrehenden Normalismus

Was hat die Stunde geschlagen, wenn die hegemonialen Medien sokratisch werden und bekennen, dass sie nur wissen, dass sie nichts wissen? Nur vage kann man ahnen, dass auf jeden Fall der normalistische SuperGAU eingetreten ist: Die Experten als Träger der sarrazinischen „MINT-IQ-Intelligenz“ [Mathe, Ing, Natwiss, Techno] haben keine Daten mehr, können also keine Wahrscheinlichkeiten mehr berechnen und auf dem normalistischen „Optionen-Tisch“ die besten „Optionen“ zwecks Normalisierung „wählen“.

Ebenfalls nur vage kann man ahnen, welche „Option“ sie in dieser Situation „gewählt“ haben: die Taktik der „kontrollierten Explosion“: Nacheinander ließen sie in allen betroffenen Reaktoren Wasserstoffgas frei, um „den Druck zu verringern“ und führten so angeblich „kontrollierte Explosionen“ herbei, von denen sie behaupteten, sie seien nur schwach radioaktiv. Wie das rein technisch ablief und was daraus folgte und weiter folgen wird, wussten und wissen sie selbst nicht. Was wir aber wissen können: Diese Taktik der „kontrollierten Explosion“ ist das repräsentative Symbol, die pars pro toto des durchdrehenden Normalismus – des Normalismus, der nicht bloß den Notstand (also die Denormalisierung) erklärt, sondern der die Denormalisierung dadurch zum GAU treibt, dass er glaubt, man könne auch eine irreversible Denormalisierungs-Kaskade noch normalisieren – durch Notstands-Schläge in diese Kaskade hinein.

Tragödie und Farce: Diese gleiche durchgedreht-normalistische Mentalität tobt sich nun auch außerhalb der atomaren Havarie aus: In Politik und Wirtschaft (und sicher bald auch Kultur). Es gilt die Kaskade von denormalisierenden Kopplungen mit anderen Praxis-Diskursbereichen (luhmannschen Teilsystem) mit allen  Mitteln zu verhindern, vor allem die „Ansteckung“ der Börsen. Keine Panik! Ruhig bleiben! „Die Krise bietet auch Chancen“ (wie wir seit 2008 ständig hören). Wenn die Öl- und Chippreise steigen, ist das gut für deren Aktien! Und erstmal das „enorme Potential“ an Wiederaufbaunachfrage in Japan! Wenn schon der technoszientistische GAU nicht zu verhindern ist, können wir den ProfitGAU „mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit“  verhindern. Wie es die US-Middleclass 1987 beim Crash sagte: „Things look already pretty much better today, and it may even go up!“

Aber was diese Kopplung angeht, hat der japanische Premier Naoto Kan unter Stress eine Aussage getroffen, die die Kopplung ebenfalls wie eine pars pro toto bestätigte, indem er sie verhindern wollte: Er beschwor die Firma Tepco, die letzten 50 Ingenieure und Facharbeiter nicht auch noch aus dem havarierten AKW abzuziehen, weil… (zig Millionen Menschen in Gefahr schweben?) – weil… das den sicheren Kollaps der Firma Tepco bedeuten würde! (SPON 15. März, 6 Uhr 25 MEZ) In Tschernobyl waren es „Helden der sozialistischen Arbeit“ – in Fukushima also „Helden des kapitalistischen Profits“.

Normalismustheoretisch kann gesagt werden: Die Abschottungsversuche gegen Kopplungen mit anderen „Teilsystemen“ und gegen „Entdifferenzierungen“ bergen ein hohes Risiko diskursiver „kontrollierter Explosionen“, also von Paniken (die man gerade verhindern will). Normalismustheoretisch gesehen, sind dagegen solche Kopplungen gut, weil sie Möglichkeiten aufzeigen, nicht nur AKWs, sondern auch andere Hochrisiko-Unternehmen rechtzeitig abzuschalten.

Musterbeispiel: Die Interventionskriege vom Typ Afghanistan sind sowohl wörtlich wie metaphorisch ebenfalls Hoch-Risiko-Technologien. Welch ein weiteres Symbol, dass über Fukushima eine Flugverbotszone verhängt wurde! Und dass der US-Flugzeugträger wegen der Radioaktivität umkehren musste! Aber es besteht die Gefahr, dass die Kriege, Revolutionen und Konterrevolutionen nun „in den Schatten“ der japanischen Katastrophen geraten: Das nützt nicht bloß Gaddafi, sondern allen Konterrevolutionären: Gestern marschierte Saudi-Arabien in Bahrain ein. Vor einigen Tagen forderte sogar Karzai den Abzug der NATO, also auch der Bundeswehr, wegen der vielen zivilen Opfer der „Luftschläge“ (die ja nicht bloß kriminell sind, wenn sie von Gaddafi geführt werden). Die übrigens immer auch große ökologische Schäden anrichten. Ceterum censeo exercitum Germanicum ex Afghanistan esse recedendum.

Wann endlich kommen die Mitglieder und Wählerinnen der Grünen zu der Einsicht, dass ihre Führung schizophren handelt, solange sie die Hochrisiko-Technologie eines Eskalationskrieges absegnet?