kultuRRevolution | Ach „Normales Deutschland“!
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Ach „Normales Deutschland“!

Die Osterausgabe der Fatz (3.4.2010) ist mit einem Coverbild aufgemacht, das eine Dornenkrone darstellt, die aber in eine Art Triumphsonne hinein zu explodieren scheint. Die Kollektivsymbolik kann auf den ersten Blick ein wenig kryptisch erscheinen, wird aber vielleicht durch das umgebende Textmaterial deutlicher: Unter dem Bild schlägt die Schlagzeile „Drei Bundeswehrsoldaten in schweren Gefechten gefallen.“ Rechts eine Glosse „Gefallen“, und darunter der Leitartikel „Normales Deutschland“ von Klaus-Dieter Frankenberger, einem der Startenöre der Fatz. Darin wird eine, wie es heißt, nur angeblich neue „egoistische“ Berliner Politik gegenüber den europäischen Partnern (besonders Griechenland) und am Hindukusch vehement verteidigt. „ein kühler, eng an deutschen Interessen orientierter Pragmatismus der Kanzlerin Merkel“ wird gegen Einwände des Auslands in Schutz genommen, und die Anklage, „Deutschland denke nicht mehr europäisch, sondern, eben, deutsch“, wird teilweise bestätigt, aber verteidigt. Im Klartext: „Jene, welche die Europapolitik früherer Bundesregierungen romantisieren, übersehen zweierlei: Geschichte steht nicht still. Das Deutschland der 16 Bundesländer ist nicht mehr das vor der Wiedervereinigung.“

Diese Positionsklärung stützt sich nun auf den Begriff der „Normalität“: Die deutsche Bevölkerung sei „(fast) so normal oder selbstbezogen oder europanörglerisch wie jede andere auch“ und die Regierung sei doch schließlich ständig von den anderen westlichen Regierungen aufgefordert worden, „historisch begründete Selbstbeschränkungen aufzugeben und selbstbewusst seine Interessen zu vertreten. Also normal zu werden.“  Insgesamt wird „normal“ von Frankenberger demnach im Sinne von ‚legitim national-egoistisch‘  verwendet. Das kann nun doch nicht einfach so stehen bleiben.

Wie im „Versuch über den Normalismus“ (4. Aufl. Göttingen 2009, Vandenhoeck und Ruprecht) ausgeführt, wird der Begriff der Normalität zwar gerade im mediopolitischen Diskurs als leere Sprechblase und meistens geradezu paralogisch verwendet, besitzt aber einen historischen Kern, dessen Konzept systematisch entwickelt werden kann. Dabei geht es, kurz gesagt, um die Mittelzonen von massenhaften sozialen Erscheinungen: Bei Körpergröße, -gewicht, -stärke usw. liegen die Mittelwerte im „normal range“, während Riesen und Zwerge anormal sind. Ähnlich ist es bei IQ, bei der Sexfrequenz usw. Im soziopolitischen Bereich gibt es demnach drei Dimensionen, wo sich sinnvoll von Normalität sprechen lässt: die Verteilung des Lebensstandards (breite Mitte, wenige Reiche oben und wenige Arme unten), die Verteilung des Wissens („Bildung“) und die des Wahlverhaltens (starke „Mitte“ vs. mickrige „Extreme“). In allen drei Dimensionen hat die „Berliner“ Politik Denormalisierung (Abbau von Normalität) betrieben: „Reformen“, Zweidrittelgesellschaft, Explosion der Armut, Aufblasen der Spitze, Schrumpfen der Mitte – bei den Wahlen als konsequente Folge: Kollaps der „linken Mitte“ sprich SPD.

Von all dem schweigt des Startenors Herrlichkeit – ihm geht es nur um die Außenpolitik. Und da ordnet er das Berliner Deutschland mal wieder als „Mittelmacht“ ein, obwohl er im gleichen Atemzug feststellt, es könne keine „große Schweiz“ sein (gemeint: militärisch abstinent). Das heutige Deutschland, dass seine Hegemonie in Europa voll ausreizt und das militärisch vom Balkan übers Horn von Afrika bis zum Hindukusch „in der Fläche präsent“ ist, eine „Mittelmacht“? (Womit „Normalität“ assoziierbar wäre.) Obwohl der Artikel für Ehrlichkeit plädiert, macht er sich hier einer grotesken Vertuschung schuldig. „Mittelmacht“? Das wäre im Ranking der 200 Stasten etwa eine Position im 20er oder 30er Bereich! Da lachen unsere griechischen oder französischen Freunde schallend. Man kann (und sollte) mit ihnen das Spiel spielen: „Top ten? Top five? Top three?“

Und das bedeutet: Abgesehen davon, dass 200 eine viel zu kleine Grundgesamtheit ist, um darin eine belastbare „Normalität“ zu bestimmen, spielt dieses „normale Deutschland“ eben in der Spitze der 1. Welt-Liga! Mindestens unter den Top five – und das ist nicht nur alles andere als normal – es ist der rundum durchschlagende Raketenmotor, der „dieses unser geliebtes Vaterland“, inzwischen flächendeckend schwarz-rot-gold beflaggt, überall dort, wo es wirklich um Normalität geht, immer tiefer in die Denornalisierung treibt. Wenn nicht… Ach wenn nicht!