kultuRRevolution | Afghanistan: „Rausgehen jetzt? Schon aus logistischen Gründen unmöglich“?!
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Afghanistan: „Rausgehen jetzt? Schon aus logistischen Gründen unmöglich“?!

Endlich ist das „Thema“ nun nicht mehr zu stoppen: „Rausgehen und zwar jetzt aus Afghanistan“ – aber dieses „Thema“ erweist sich in Medien und Politik als „chaotisch“: Während de Maizière gerade „vor Ort“ in Usbekistan, Afghanistan und Pakistan unterwegs war, um Bedingungen fürs „Drinbleiben“ auch nach 2014 auszuhandeln, entsteht „zuhause“ plötzlich ein paranoider Alarm in den Medien: „Lässt Obama uns im Stich?“ – denn gerüchteweise bereitete Obamas Superwarlord Panetta (langjähriger CIA- und dann Pentagonchef), der knapp vor de Maizière bei Karzai „vor Ort“ war, heimlich das „Rausgehen“ schon für 2013 vor. Kurz danach, aus Anlass des „Amoklaufs“, forderte dann Karzai tatsächlich das „Rausgehen“ schon für 2013. All das war offensichtlich nicht im Sinne „Deutschlands“, denn ungefähr gleichzeitig verlautbarte die Kanzlerin bei einem Blitzbesuch „vor Ort“, dass „wir uns zwar anstrengen, es aber vielleicht nicht schaffen werden, schon 2014 rauszugehen.“ Alle, aber auch alle diese Äußerungen wurden danach „relativiert“, und man einigte sich auf die alte Nibelungentreueparole: „Gemeinsam reingegangen, also auch gemeinsam rausgehen.“

ABERTAUSENDE VON TOTEN, VERLETZTEN, TRAUMATISIERTEN: „REINGEGANGEN, RAUSGEGANGEN“?

Diese Sprachregelung von Politik und Medien („reingehen, rausgehen“) ist an Zynismus nicht zu übertreffen – besonders in Deutschland, dessen frühere Armeen bekanntlich rekordmäßig oft „reingegangen“ sind. Wie sie auch Rekorde in Nibelungentreue hingelegt haben. Aber Nibelungentreue: Die Niederlande sind schon 2010/2011 „rausgegangen“, was ganz einfach ging. Niemand hat was von „Treuebruch“ gesagt. Frankreich als viertgrößter Nibelunge will schon 2013 (Sarkozy) oder sogar schon dieses Jahr (2012) „rausgehen“ (Hollande). Soll am Ende nur „Deutschland“ bis 2014 oder darüber hinaus „drinbleiben“?!

WAS HEIßT DENN „RAUSGEHEN“?

Nun wird man eigentlich einen Nibelungen wie Panetta kaum des Treuebruchs verdächtigen können. In der Tat ist das absurd – denn was versteht Panetta unter „rausgehen“? Er versteht darunter schlicht und einfach einen Strategiewechsel: Umschalten von COIN (Counter Insurgency, also Antiguerillakrieg, Vietnamstrategie) auf CT (Counter Terrorism, das heißt „gezielte Tötungen“ mit Drohnen und anderen Hightechwaffen durch Geheimdiensteinheiten und andere Spezialkräfte, auch „Elitesoldaten“ genannt). CT soll in Afghanistan selbstverständlich weitergehen, bloß sollen die „normalen“ Kampftruppen „aus der Fläche“ abgezogen werden. – Genau das fordert nun auch Karzai als ersten Schritt, offensichtlich „darf“ Karzai das jetzt fordern. (Seit über 10 Jahren fordert das gleiche die Friedensbewegung als ersten Schritt zum Abzug – der Unterschied besteht darin, dass die Friedensbewegung nicht mit CT weitermachen will.)

WARUM WILL AUSGERECHNET DEUTSCHLAND „DRINBLEIBEN“ UND JAMMERT: „SCHON AUS REIN LOGISTISCHEN GRÜNDEN KÖNNEN WIR NICHT RAUSGEHEN?“

Es gibt eine auffällige deutsche Besonderheit des „Themas“: „unsere“ Medien haben plötzlich die „Logistik“ entdeckt und behaupten, „schon aus rein logistischen Gründen“ wäre ein rascher Abzug (etwa in einem halben Jahr) „total undenkbar“. Und die Niederlande? Und Frankreich? Und vielleicht sogar die USA, die aus dem Irak schnell „rausgehen“ konnten, Logistik hin Logistik her? Und die Bundeswehr selber, die aus Somalia ganz schnell „rausgehen“ konnte? (Okay, dass Afghanistan ein „größeres Dingen“ ist, aber niemand fordert ja das „Rausgehen“ in einem Monat.)

DIE DEUTSCHE BESONDERHEIT: „WIR“ BRAUCHEN AFGHANISTAN NOCH LÄNGER ALS  TRAININGSFELD FÜR KÜNFTIGE ROUTINEMÄßIGE ANTIGUERILLA- UND ANTITERRORKRIEGE

Deutschland ist der Newcomer in der Welt-Junta. Als Welt-Junta muss man die USA und ihre G 7-Nibelungen (außer Japan, das nicht mitzieht) bezeichnen. Diese Weltjunta hat sich die Aufgabe gestellt, routinemäßig „Schurkenstaaten“ zu „kontrollieren“ und zu „stabilisieren“. Genau das hat de Maizière gemeint, als er sagte, künftig müsste die Bundeswehr mit vielen „Einsätzen“ rechnen. Dafür die Bedingungen zu schaffen, dazu dient die große „Reform“ der Bundeswehr (alles „vom Einsatz her“ planen). Und dafür ist Afghanistan ein einmalig günstiges Ernstfall-Manöverfeld. Gerade übt die Bundeswehr (seit 2009) den vollen Antiguerillakrieg mit allem Drum und Dran: „Außenposten“ im „Hinterland des Feindes“ besetzen, um ihn zum Kampf zu zwingen und zu „eliminieren“ (per „Anforderung von Luftunterstützung“) – Nightraids gegen „verdächtige“ bzw. anonym denunzierte Dörfer usw. Und für CT haben „wir“ momentan noch viel zu wenig „Spezialkräfte“ (nur das KSK) und viel zu wenig High Tech (gerade erst fangen Rheinmetall und EADS an, Killerdrohnen für die Bundeswehr zu bauen) und schließlich brauchen „wir“ noch viel mehr Dolmetscher, Informanten und Kollaborateure „vor Ort“. Ein „Rausgehen“ binnen der nächsten 1, 2 Jahre würde all diese „großen Stabilisierungserfolge“ abbrechen.

SCHLIMMER NOCH: EIN „ÜBERSTÜRZTES RAUSGEHEN“ KÖNNTE DIE PAROLE STARK MACHEN: „NIE WIEDER ANTIGUERILLAKRIEGE DER BUNDESWEHR IN ÜBERSEE!“

Bisher ist es Politik und Medien gelungen, das „Thema“ Afghanistan „auf Sparflamme zu halten“. Das könnte sich bei einem „überstürzten Rausgehen“ ändern. Es würde dann gefragt: Wofür all die Toten, Verletzten und Traumatisierten, wofür die 20 Milliarden, die allein die Bundeswehr buchstäblich in den Staub gesetzt hat? Wofür die ganze teure „Logistik“? Trotz allem haben „wir“ den Krieg de facto verloren – also „nie wieder ein solches Abenteuer!“ Und dabei bereiten Merkel und de Maizière gerade vor, dass solche Abenteuer künftig die „Normalität“ der Bundeswehr werden sollen.

ALSO IST DAS DOCH JETZT DIE STUNDE DER FRIEDENSBEWEGUNG, ODER?

Wer macht jetzt konkrete Vorschläge, wie wenigstens die Grünen endlich von ihrer Durchhalten-bis-zum-Endsieg-Linie abgebracht werden können – womit dann das Kartenhaus endlich ins Umfallen käme? Über solche und andere Fragen kann mit dem Blogautor diskutiert werden:

WO? VHS ESSEN, BURGPLATZ 1 – FRIEDENSFORUM, VORTRAG J. LINK „ZUM ANTEIL DER MASSENMEDIEN AN DER ‚NORMALISIERUNG‘ DES KRIEGES“

WANN? MITTWOCH, 21. 3. 2012, 19.00 UHR