kultuRRevolution | Das „Geschichtszeichen“ (Ex-kRR-Autor Bolz): Was genau wollen die deutschen Abschaffer abschaffen?
1406
post-template-default,single,single-post,postid-1406,single-format-standard,cookies-not-set,qode-quick-links-1.0,ajax_fade,page_not_loaded,,qode-title-hidden,qode_grid_1300,footer_responsive_adv,qode-content-sidebar-responsive,qode-theme-ver-11.0,qode-theme-bridge,wpb-js-composer js-comp-ver-5.1.1,vc_responsive

Das „Geschichtszeichen“ (Ex-kRR-Autor Bolz): Was genau wollen die deutschen Abschaffer abschaffen?

Ex-Autor der Zeitschrift kultuRRevolution und heute „Volksparteienkritiker“ Norbert Bolz erklärte bei Anne Will (5.9.2010) den Abschaff-Bestseller zum „Geschichtszeichen“ und outete sich selbst als militantes Mitglied der deutschen Abschaff-Partei. (Man muss ja wohl in einem Kontext, in dem es um „Intelligenz“ geht, nicht lange erklären, dass der Titel des Bestsellers genau das Gegenteil seines Wortlauts erreichen möchte: „Deutschland“ soll nicht sich, sondern anderes abschaffen: die Frage ist, was und wen?)

DIE PROGNOSE IN DER VORERINNERUNG HIEß: „NIWIS“ (NICHT-INTEGRATIONSWILLIGE) – DIE VERIFIKATION LAUTET: „I-V“ („INTEGRATIONS-VERWEIGERER“)

Das „Geschichtszeichen“ erweist sich zunächst einmal als Lancierung und mediale Proliferation von jeder Menge neuer Signifikanten samt kollektivsymbolischen Mänteln: „Volksparteienkritiker“ selber, als Zugabe zu „Islamkritiker/in“, „Parallelgesellschaften“ und „Migrantendefizite“, dann aber massiv die bad guys: „Integrationsverweigerer“, „Integrationsmuffel“ (WAZ) und umgekehrt die good guys: „deutsche Volkshelden“ (Spiegel). In dem Roman „Bangemachen gilt nicht auf der Suche nach der Roten Ruhr-Armee. Eine Vorerinnerung“ (assoverlag Oberhausen) wurde eine notständische Zukunft simuliert, in der es „Iwis“ („Integrationswillige“) und „Niwis“ („Nicht-Integrationswillige“) gibt, was bürokratische und andere Konsequenzen für die Betroffenen hat. Bolzens „Geschichtszeichen“ bedeutet (da tun wir gut daran, uns nichts vorzumachen) einen Riesenschritt in Richtung reale „Umsetzung“ dieser Prognose. Es zeigt erneut die Macht der Diskurse und der Medien, die fast unisono auf die Linie der deutschen Abschaffer-Partei eingeschwenkt sind („HARTE LINIE GEGEN INTEGRATIONSMUFFEL“: Schlagzeile WAZ 6.9.2010). Es ist der Versuch eines massiven diskursiven Überrollens wie so oft und fordert Vernunft und Wissenschaft auf, sich dieses eine Mal nicht überrollen zu lassen.

KLARTEXT DER DEUTSCHEN ABSCHAFFER-PARTEI: „SANKTIONEN“ UND VERBOTE GEGEN „PARALLELGESELLSCHAFTEN“

Ob Wilhelm Heitmeyer sich jetzt wohl manchmal fragt, was er mit seiner Lancierung eines als potentiell kriminell konnotierten Begriffs „Parallelgesellschaft“ angerichtet hat? (Die Quellen dazu in dem von Werner Köster herausgegebenen, sehr lesenswerten Band: „Parallelgesellschaften“, Klartext-Verlag Essen 2009) Ist Heitmeyer nie durch New York gelaufen und hat er dabei nie in einer halben Stunde mehrere Parallelgesellschaften (puertorikanische, jüdische, chinesische usw.) durchquert? Weiß er nicht, dass Parallelgesellschaften (was soll eigentlich an Parallelen so kriminell sein?) in Einwanderungsländern notwendige Basen für Integration sind? Und haben nicht gerade die Deutschen nach 30 Jahren eines mörderischen Religionskrieges, in dem der katholische Kaiser die protestantischen Parallelgesellschaften radikal abschaffen wollte, gelernt, friedlich mit Parallelgesellschaften zu leben?

ZWANGSASSIMILATION STATT INTEGRATION? DER FLEXIBLE NORMALISMUS SOLL ABGESCHAFFT WERDEN

Normalismustheoretisch ist das Programm der deutschen Abschaffpartei klar: Wenn Assimilation zum Protonormalismus und Integration (als reziproke As-Sociation) zum flexiblen Normalismus gehört, dann soll die erste „Option“ durchgesetzt werden. Dazu wird stereotyp ein Satz zitiert, den Erdogan bei seiner Rede in Köln gesagt habe: „Assimilation ist ein Verbrechen“. Wenn das korrekt übersetzt ist, ist es falsch, weil unbedingt das Recht auf freiwillige Assimilation gewahrt sein muss. Anders ist es bei Zwangsassimilation: Die abzulehnen wäre korrekt. Das klassische Beispiel ist die Zwangsassimilation der spanischen Juden und Muslime im 16. Jahrhundert. Jedenfalls heißt Assimilation radikale Aufgabe von Kultur und Geschichte der Herkunft (für Juden seinerzeit typischerweise die Taufe), während Integration kulturelle Begegnung und Vergesellschaftung, vor allem im Medium einer landesüblichen Standardsprache und eines gemeinsamen politischen Systems mit Gleichberechtigung (!) meint, mit dem Recht auf (freiwillige) Beibehaltung einer historischen „Identität“ (wie etwa „parallele“ Erstsprache, also Zweisprachigkeit, Religion und Volkskultur). Am deutlichsten zeigt das Konzept einer „europäischen Integration“, was der Unterschied zu Assimilation ist. Die stereotype Aufregung über die Brautkleiderläden in Duisburg-Marxloh (als ob es in Duisburg nichts anderes gäbe zum Aufregen) ist typisch für eine Mentalität, die offensichtlich Assimilation erzwingen und Integration abschaffen will. (Offenbar werden die Brautkleider als Symbole für Zwangsehen und für die „Produktion ständig neuer Kopftuchmädchen“ gelesen.)

WARUM FEHLT DIE DEUTSCHDIDAKTIK TOTAL IM DISKURS DER DEUTSCHEN ABSCHAFFER?

„Man muss sie zwingen, Deutsch zu reden, wenn nötig mit Sanktionen“: Das fordern alle deutschen Abschaffer. Damit sollen Parallelgesellschaften abgeschafft werden. Offenbar meinen die Abschaffer, es genüge, den Gebrauch der Muttersprache samt Kopftuch zu verbieten und Hartz IV zu streichen, damit die „Migranten“ dann flüssig deutsch redeten. Dabei verlieren sie kein Wort über die optimalen Methoden, Deutsch als Zweitsprache zu vermitteln. Das aber ist genau der springende Punkt. Wenn man sich anschaut, wer in den Talkshows der Abschaff-Offensive sitzt und wer nicht, dann ist das Gerede von „Wissenschaftlichkeit“ reiner Hohn. Eine Sprachwissenschaftlerin wie Gerlind Belke müsste dort sitzen und erklären, dass Deutsch effektiver gelernt werden kann, wenn sein Erwerb durch parallelen (!) muttersprachlichen Unterricht gestützt ist. (Dazu kRR Nr. 10 -„Fata Morgana Multikultur?“ – vom Oktober 1985, u.a. mit dem Beitrag von Gerlind Belke und dem  „Memorandum zum muttersprachlichen Unterricht“; vgl. seither auch Gerlind Belkes Standardwerk zum Erwerb von Deutsch als Zweitsprache – der muttersprachliche Parallelunterricht ist die notwendige linguistische „Parallelgesellschaft“ für effektiven Deutscherwerb und damit für die wirkliche Integration.)

SPANISCHZWANG FÜR DIE DEUTSCHE PARALLELGESELLSCHAFT IN MALLORCA?

So aggressiv und ernstgemeint auch die Drohgebärden der deutschen Abschaff-Partei sind, so komisch im literarischen Sinne oft ihre Inszenierung. Nicht bloß, dass die Vererbungsideologen Urväter haben, die einmal „Sarazenen“ (Orientfahrer oder Einwanderer aus dem Orient) bzw. ungarische Roma (Sarkozy) waren – auch ihre Wut auf Parallelgesellschaften ist urkomisch. Um diesen Eintrag heiter zu schließen, versetzen wir uns bitte mal kurz in „spanische“ Haut: Was sollen wir dann zu den deutschen Parallelgesellschaften auf spanischem Boden sagen? In gewisser Weise besteht ja aller Tourismus aus flexiblen Parallelgesellschaften und Migrationen –  besonderes aber der Dauertourismus deutscher Migranten am Mittelmeer. Konsequenterweise müssten die deutschen Migrantenabschaffer sich entsetzen, dass sie in den deutschen Parallelgesellschaften auf Mallorca und anderswo bloß deutsch hören, nicht zu reden von „urdeutschen“ kulturellen Ritualen. Da müssten Spanisch-Tests für alle Dauertouristen eingeführt werden – einschließlich kulturell-historischer Tests („Wer war Riego? Wieviel spanische Republiken gab es und von wann bis wann existierten sie? Wie hieß der General, der Lorca ermorden ließ, und wann war das? Wer war überhaupt Lorca?“ usw.). Und als erste sollten die Lautsprecher der Abschaff-Offensive in den Medien solchen Tests unterzogen werden: Sie wissen ja nicht einmal, dass Goethe (sicher mit ironisch-symbolischem Hintersinn, aber immerhin in dem damals führenden deutschen Massenmedium) sich als Muslim geoutet hat.