Wassilis Aswestopoulos: Was hat eine »geliehene« Melodie mit Antifaschismus, einem Freiburger Professur und der Zensur zu tun?

Zensur ist ein Wort über das aktuell in Deutschland viel geredet wird. Bei einer etymologischen Suche stoßen wir immer wieder auf »Zensur stammt vom lateinischen Substantiv censura ab«. Damit wurde die »Amtsführung des Zensors« bezeichnet. Der Begriff »Zensor« stammt vom lateinischen Wort »censor«. In der Römischen Republik waren die Zensoren die Beamten, welche Volkszählungen durchführten und die öffentliche Moral überwachten. Fun fact: mit κήνσορες (kinsores gesprochen) bezeichnen die modernen Griechen gerne all jene, die als selbsternannte Moralisten auftreten.

Zensur und Zensoren – was sind das für Begriffe?

Was aber haben die Zensur und die Zensoren mit dem Antifaschismus zu tun? Heute, am 20. Juli 2026 liegt eine Interpretation nah. Das Auftrittsverbot, welches das ZDF dem Duo Danger Dan und Igor Levit für die 100. Ausgabe der Satire-Show »die Anstalt« auferlegte. Weil der Liedtext von »keine Angst« des gebürtigen Aacheners Danger Dan als Aufruf zur Gewalt interpretiert werden könnte. Nach »strenger Prüfung« oder »Beurteilung«, beides mögliche Übersetzungen von »censura« kamen die Programmverantwortlichen zum Schluss, das Lied besser nicht in der Sendung spielen zu lassen.

Ein Professor aus Freiburg

Damit könnte die aktuelle Geschichte schon fast vorbei sein, wäre da nicht ein Freiburger Professor und ein offensichtlicher Bezug zu Griechenland. Es gibt sogar noch einen weiteren Bezug. Einen zum Land des frisch gekürten Fußballweltmeisters, Spanien. Bevor es nun mit all den kryptischen Hinweisen zu kompliziert wird, lassen wir unsere Chronik da beginnen, wo der Freiburger Professor geboren wurde, am Valentinstag, den 14. Februar 1924 im damals noch überwiegend Konstantinopel, heute durchgehend Istanbul genannten urbanen Paradies am Bosporus. Die Betonung des Geburtsorts ist kein sekundäres Detail. Istanbul, heute noch von den Griechen Konstantinopel genannt, ist der Ort, den man meint, wenn man von »der Stadt« redet. Griechen, die dort geboren wurden, haben in den Augen ihrer Landsleute eine bestimmte Aura.

Unser späterer Professor wurde zunächst in Athen ausgebildet. Bei D. Maris und S. Farantatos am Athener Konservatorium studierte er Klavier und bekam 1952 sein Klavierdiplom). Anschließend war er Schüler von Yiannis A. Papaioannou am Hellenischen Konservatorium und erhielt von ihm Unterricht in Musiktheorie und Komposition. Der Abschluss, das Kompositionsdiplom kam 1956. Ab 1950 arbeitete er mit Manos Hadjidakis und Mikis Theodorakis an der griechischen Choraldramatik von Rallou Manou zusammen. Ab 1951 wirkte er als Solist beim Staatlichen Orchester Athens mit und komponierte gleichzeitig Musik für Theater und Film. Er gehörte zu den ersten Komponisten, die sich für den Rebetiko interessierten. Rebetiko prägte seine frühen Werke aus den Jahren 1949–1957, stets in Verbindung mit der Musik von Bartók und Strawinsky.

Mit diesem Lebenslauf ist unser Held kein kleines Licht, wenngleich der Name Argyris Kounadis heute weniger bekannt ist. Mit Stipendien der griechischen und deutschen Regierung ging er 1958 nach Deutschland, wo er sein Studium am Freiburger Konservatorium fortsetzte. Er sollte bis zu seinem Lebensende, am 20. November 2011 in Freiburg bleiben. Seit 1963 war er Dozent an der Musikhochschule Freiburg, 1972 wurde er zum Professor berufen.

Zu Kounadis frühen kompositorischen Werken zählt die erste Hymne der EPON, der 1943 gegründeten Jugendorganisation der griechischen Widerstandsbewegung EAM. Die EAM (Ethniko Apeleftherotiko Metopo – Nationale Befreiungsfront) war die politische Führung der ELAS, der griechischen Volksbefreiungsarmee. Zur EPON (Vereinigte Panhellenische Jugendorganisation) gehörten auch die sogenannten »Aetopoula« (Adlerkinder). Es ist ein eigenes Kapitel des Widerstands. Die Adlerkinder, Kinder zwischen 7 und 14 Jahren, die sich in den EPON-Adlergruppen organisierten, waren eine Art Logistiktruppe für den Widerstand. Bevor sie richtig zur Schule gehen konnten, lernten sie alles über Panzer und Waffen. Es waren Kinder, die Handgranaten in ihrer Kleidung versteckt trugen, Maschinengewehre in Schubkarren oder zerlegt in Körben transportierten. Sie nahmen mit Waffen in der Hand an den Kämpfen teil. Zu ihren Aufgaben gehörte es, die Reifen deutscher Autos zu zerstechen, Proklamationen und andere Veröffentlichungen und Notizen verbreiteten. Sie waren die Kuriere, die auch dafür zuständig waren, Parolen an die Wände zu schreiben. Viele von ihnen wurden in Lagern inhaftiert oder hingerichtet.

Kounadis, der während der deutschen Besatzung EPON aktiv war, wurde ebenfalls verhaftet und im Gefängnis von Kallithea inhaftiert. Das Leben unseres Protagonist wäre vorbei gewesen, wenn nicht der Gefängniskommandant ein italienischer Musiker gewesen wäre. Er ließ Kounadis drei Tage nach seiner Verhaftung heimlich frei, nachdem er von dessen musikalischer Begabung erfahren hatte. Auch solche Anekdoten gehören zur Geschichte des zweiten Weltkriegs und zum Unterschied zwischen deutschen und italienischen Besatzern dazu. Koundadis, der trotz schwerer Parkinson-Erkrankung bis an sein Lebensende aktiv mit der Musik verbunden blieb, dürfte mit dieser Vorgeschichte nun für alle ein Begriff sein.

Dieser Kounadis hatte nun 1973, ein Jahr vor dem Sturz der blutrünstigen griechischen Militärdiktatur nichts anderes im Sinn, als nach Griechenland zu reisen, und an der Zensur vorbei ein antifaschistisches Musikalbum zu produzieren und zu publizieren. Und genau das gelang ihm. »Δεν περισσεύει υπομονή« (es ist keine Geduld übrig) mit Texten von Vangelis Goufas wurde ein Fanal des Antifaschismus. Neun Lieder interpretierten Sotiria Bellou, Stavros Pasparakis und Eleni Vitali. Das scharlachrote Cover ziert eine Gravur des berühmten Kupferstechers Tassos Alevizos.

Ein antifaschistisches Musikalbum an der Zensur vorbei

Eines der drei Lieder auf dem Album, interpretiert von der Debütantin Eleni Vitali, »Εις μνημόσυνον« (zum Gedenken) – auch bekannt als »Άι γαρούφαλλό μου« (Ach meine Nelke) – , ist dem kommunistischen Helden Nikos Belogiannis gewidmet, der weltweit als »der Mann mit der Nelke« bekannt war. Die Nelke steht hier als Symbol für Frieden, Mut und Hoffnung, Belogiannis Ideale. Er trat vor Gericht demonstrativ mit einer roten Nelke auf.

Für die internationale Bekanntheit des Falls sorgte Pablo Picasso, der sich persönlich für Belogiannis einsetzte. Picasso hatte inspiriert von einem Foto von Belogiannis mit Nelke aus dem Gerichtsaal eine entsprechende Skizze angefertigt und mit dieser weltweit protestiert. Das alles spielte sich mehr als zwanzig Jahre vor Koundadis Album ab. Belogiannis wurde am 30. März 1952 von den Kugeln eines Exekutionskommandos des Nachkriegsstaates getötet, zusammen mit seinen Mithäftlingen Nikos Kaloumenos, Ilias Argyriadis und Dimitris Batsis. Seine Vergehen? Er war Mitglied der KKE und führender Kämpfer der EAM (Nationaler Widerstand) sowie der Griechischen Demokratischen Armee (DSE) im Bürgerkrieg. Er wurde in einem Schauprozess der »Spionage« angeklagt und verurteilt. Sein Prozess löste in vielen Ländern eine Welle von Protesten und Unterstützung – nicht nur von Picasso aus. Führende Persönlichkeiten aus Literatur und Kunst stellten sich an seine Seite. Dem wollte Kounadis gedenken und damit ein Signal des Antifaschismus geben. Um »es ist keine Geduld übrig« in ein »basta, es reicht« zu übersetzen ist kaum Fantasie nötig.

Beim Liedtext gibt es keinen eindeutigen Bezug zu Belogiannis – bis auf die Nelke. Nun sind Nelken per se keine antifaschistischen Symbole und somit waren sie nicht auf den Listen der diktatorischen Zensoren Griechenlands. Die Strophen des Liedes waren in der Art:

»Ein graues Pferd reitet,
Drachen haben einen Galgen errichtet,
vor der marmornen Dreschfläche
steht er da und beschlägt es.
Der Wind dreht sich, das Märchen beginnt,
schwarzer Wein wird getrunken,
der Mond ist berauscht.
Ach, meine Nelke…«

Auch erfahrene und belesene Zensoren würden hier sehr wahrscheinlich auf eine Analogie zum Gedicht »Heidenröslein« von Johann Wolfgang von Goethe tippen, »irgendwas mit Alltag« vermuten und dieses unverständliche, romantische Zeug schlicht durchwinken. So geschah es.

Eleni Vitali – Debütantin mit vielfachem Potential

Zum Trick für die Zensoren passt die Wahl der Interpretin. Eleni Vitali, die auf Kounadis Album debütierte, ist eine griechische Romni. Sie damals knapp 19, hatte aber eine Stimme und ein Timbre, das viele erst in erheblich reiferem Alter erreichen. Kounadis hätte keine bessere Interpretin für »sein« Fanal gegen den Faschismus wählen können.

Passend zu Vitali gab es eine Melodie, die an spanische Roma erinnert. Erinnerte? Nun, genau hier liegt der Schlüssel zu Kounadis Album versteckt. Denn die Melodie erinnert nicht nur an Spanien, sie ist aus Spanien.

Roter Hahn – schwarzer Hahn: Chicho Sánchez Ferlosio

Spätestens jetzt müssen wir uns mit Chicho Sánchez Ferlosio, eigentlich José Antonio Sánchez Ferlosio (1940–2003) beschäftigen. Sánchez war der dritte Sohn des Falangisten Rafael Sánchez Mazas, aka eines nationalistischen Kämpfers und Unterstützter des Diktators Franco. Anders als sein Vater avancierte Sánchez in den Sechzigern des vergangenen Jahrhunderts zu einem populären Liedermacher der antifrancoistischen Opposition. Um die Zensur des Franco-Regimes zu umgehen, präsentierte Sánchez den politischen Inhalt seiner Lieder oft indirekt, so etwa in seinem Lied »Gallo rojo, gallo negro« (Roter Hahn, Schwarzer Hahn) von 1964.

Der frühere Kommunist und spätere Anarchist Sánchez verpackte die Beschreibung des spanischen Bürgerkriegs in Metaphern wie:

»Ach, wenn meine Worte eine Lüge sind,
möge der Wind mein Lied fortwehen.
Ach, welch eine Enttäuschung,
wenn der Wind mein Lied fortweht.
Die beiden Hähne standen sich im Sand gegenüber.
Der schwarze Hahn war groß,
aber der rote war mutig.
Sie sahen sich in die Augen, und
der schwarze griff zuerst an.
Der rote Hahn ist mutig,
aber der schwarze ist ein Verräter.«

1973 war die griechische Zensur klug genug, um sofort ein Lied zu verbieten, dass sich auf eine Melodie von Sánchez bezogen hätte. Also »übernahm« Kounadis die Autorenschaft der Melodie für sein Album. In einer Zeit, in der es kein Internet gab, sorgte die Mund zu Mund Propaganda auf den Höfen der Häuser, in denen man sich damals traf, für die Entschlüsselung des Liedes. Das komplette Album ist politisch und gegen den damals Griechenland unterdrückenden Faschismus gerichtet. Die »Millennials« und die Generation Z könnte es schockieren, zu erfahren, dass die sozialen Netzwerke früher aus realen Treffen und Brieffreundschaften bestanden. Sie erwiesen sich als sehr resilient.

Vitalis Interpretation, hörbar hier:

gleicht trotz differenzierter Intensität und Tempo der Erstinterpretation von Sánchez:

Vitali sang das Lied, ohne zu wissen, dass es sich auf Nikos Belogiannis bezog. Heute wird die Urheberschaft von »Εις μνημόσυνον« korrekt mit Chicho Sánchez Ferlosio (Argyris Kounadis) angegeben.

Beim Hören der beiden Lieder und im Wissen um ihre Inspirationsquellen wird uns bewusst, dass Kunst, und in diesem Fall Musik, auch in totalitären Zeiten keine Grenzen kennt. Der Hass der Menschen auf den Faschismus, der die Menschheit ins Unglück stürzte, und die Sehnsucht nach einem Leben in Freiheit und Gerechtigkeit verbindet Völker. Umso mehr gilt dies für das spanische und das griechische Volk, die in ihrer Geschichte die Dunkelheit des Faschismus viele Jahre lang und auf eigentümliche Weise parallel erlebten. Diktator Francisco Franco herrschte von 1936 bis 1975 in Spanien. In Griechenland waren Linke spätestens seit der Diktatur des Goebbels-Freundes Ioannis Metaxas, vom 4. August 1936 bis zum Sommer 1974 staatlicher Verfolgung, Verbannung und Folter ausgesetzt. In Griechenland entwickelte sich bei den Linken nicht zuletzt deshalb auch eine beinahe »biomatische« Verbindung zu Spanien und Lateinamerika. »Viomatika« = so beschreiben die Hellenen Eindrücke, die sie selbst erlebten. Wer weiß, eventuell wird auch dieser Begriff einmal eingedeutscht.

Vielleicht, und das ist eine auf zahlreiche Gespräche beruhende Annahme, denken deshalb viele, dass Mikis Theodorakis »Canto General«, die Vertonung der Gedichte Pablo Nerudas, mit griechisch übersetztem Liedtext geschah. Dem ist nicht so. Zudem war Mikis, wie ihn alle nennen, nicht der einzige politische Komponist. Mit in diese Riege gehört eindeutig auch Argyris Kounadis, unser Freiburger Professor.

Und Kounadis ist nicht der Einzige, der spanische Künstler nach Griechenland brachte. Federico García Lorca wurde gleich mehrfach in griechischen Gedichten und Liedern verarbeitet. Auch Picassos oder Goyas Bilder finden sich in griechischer Poesie. Aber das ist eine andere Geschichte. Sie wird uns in einer weiteren Folge zum Seemannsdichter Nikos Kavvadias führen. Und zum Spruch »ebenso wie ich kein Esel bin, hast Du nicht Griechenland gerettet«.

Das Aufmacherbild ist die Gürtelschnalle der EPON eines »Aetopoulo«, meines Vaters. Sie hatte für ihn eine besondere Bedeutung. Er hatte mir Jahrzehnte lang vorgaukeln wollen, dass es nur die Gürtelschnalle einer »Pfadfindergruppe« sei. Das war sein Trick, um die eigene Erinnerung an dunkle Zeiten so lange wie möglich von mir fernzuhalten. Auch wir Kinder hörten damals die antidiktatorischen Lieder der Älteren, ohne zu begreifen, worum es ging. Aber das explizit keine Zensur.