kultuRRevolution | „Korrigiert sich“ Mister Protonormalism? oder: Die Neuauflage der Neuauflage des „Heidelberger Manifests“
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„Korrigiert sich“ Mister Protonormalism? oder: Die Neuauflage der Neuauflage des „Heidelberger Manifests“

„Bild am Sonntag“ hat philologische Arbeit geleistet: Vielleicht waren es germanistische Praktikantinnen, die die 460 Seiten der 14. (!!) Auflage der Abschaff-Bibel textkritisch durchgesehen haben. Resultat: Einige krass „genetische“ (altrassistische) Formulierungen wurden gestrichen bzw. „gemildert“. Das war aber bereits die zweite taktische Kosmetikoperation, wie der Abschaffpapst auf Seite 409 mit gewohnter Offenheit mitteilt: „Nicht jeder teilt meine Freude an prägnanten Formulierungen. Friedrich Thelen erklärte sich bereit, das Werk (!!) vor dem Hintergrund seiner langjährigen journalistischen Erfahrung durchzusehen.“ Die neuerliche „Glättung“ dürfte erfolgt sein, um das Ausschlussverfahren aus der SPD noch zu kippen. Offenbar sollte sie – ein erster Riesen-Streich – es dem Helden des Krisen-Managements, der die Abermilliarden Steuergelder in die Banken gekippt hat, erleichtern, sich nun offen für S. zu erklären.

Nun ist dieses ganze Manöver der taktischen Umformulierungen aber ein Déjà-vu, wie man in Heft 2 der Zeitschrift „kultuRRevolution“ vom Februar 1983 nachlesen kann (leider vergriffen, in Bibliotheken ausleihbar). Dort wurde eine „Historische-kritische Ausgabe“ des „Heidelberger Manifests“ dokumentiert. Was war das „Heidelberger Manifest“? Es war ein Aufruf von zunächst 15, dann nur noch 11 Professoren, hauptsächlich Humangenetikern, gegen – vor allem – türkische – Einwanderung und ein Appell zur Refertilisierung des eingeboren-„deutschen“ Volkes. Es war also nichts anderes als das jetzt so groß als originell medialisierte Abschaff-Manifest. Insbesondere der Bochumer Astronom Theodor Schmidt-Kaler hatte damals allzu eindeutig rassistische Töne zu „mildern“ gesucht, um seine Partei (die CDU) für eine Politik des Einwanderungsstopps, der „Rückführung“ und der Refertilisierung zu gewinnen. War in der ersten Fassung noch von der „Unterwanderung des deutschen  Volkes durch Millionen von Ausländern und ihre Familien“, von der „Überfremdung unserer Sprache, unserer Kultur und unseres Volkstums“ die Rede gewesen, so wurden „Unterwanderung“, „Überfremdung“ und „Volkstum“ später gestrichen. Hieß es vorher: „Gegenüber der zur Erhaltung unseres Volkes notwendigen Zahl von Kindern werden jetzt jährlich kaum mehr als die Hälfte geboren“ – so las sich das nach Tische folgendermaßen: „Die Lage erschwert sich dadurch, daß nur wenig mehr als die Hälfte der Kinder geboren werden, die für ein Nullwachstum der deutschen Bevölkerung der Bundesrepublik erforderlich wären: die Erneuerung der generativen Funktion der deutschen Familie ist dringend nötig.“

Und Schmidt-Kaler fügte vor allem folgenden Passus ein: „Was die Lösung dieses Problems so erschwert, ist die Tatsache, daß in der öffentlichen Diskussion die notwendigen Fragen nicht mehr gestellt werden können, ohne daß gegen die Fragesteller der Vorwurf des Nazismus erhoben wird.“ Dieser Vorwurf war damals noch zu Recht gefürchtet, und deshalb musste „Prof.“ Oberländer, bekannter Ex-Minister mit Verstrickung in die „Endlösung“, seine Unterschrift zurückziehen.

Wie man sieht, hat S. lediglich eine Neuauflage dieses „Manifests“ auf den Markt geschmissen: natürlich ausführlicher, mit viel protonormalistischen statistischen Tabellen (die aber ebenfalls schlicht auf eine „Erneuerung der generativen Funktion der deutschen Familie“ zielen – besonders in den seitenlangen Passagen gegen die „kinderlosen Akademikerinnen“). Nicht nur in diesem Punkt handelt es sich um eine schlichte Kopie – besonders entlarvend ist die Übernahme der zentralen Parole des Heidelberger Manifests: „Nicht die Menschen zu den Maschinen, sondern die Maschinen zu den Menschen“ (bei S. Seite 258). Man könnte das endlos fortsetzen – u. a. auch die Berufung auf Eibl-Eibesfeldt.

Und nun aber der Unterschied zu damals: Damals von der hegemonialen Öffentlichkeit, vor allem dem hegemonialen mediopolitischen Diskurs, mit überwältigender Mehrheit abgeschmettert – heute von dem medialen Diskurs mit durchschlagender Mehrheit (BILD plus Spiegel plus etc.) als „Meinungsfreiheit respektiert“ – dem womöglich der politische folgen wird (siehe das Menetekel Steinbrück, der imgrunde sagt: leiber Freund S., streich doch die Genetik nich stärker: dann werden wir alle Dir recht geben! Als ob die Genetik nicht auch in der „Kultur“ stecken würde).

In dem Roman „Bangemachen gilt nicht auf der Suche nach der Roten Ruhr-Armee. Eine Vorerinnerung“ (asso verlag Oberhausen: brauchbares Weihnachtsgeschenk) kann man bei der Figur des „Volkstodastronomen“ an Schmidt-Kaler denken – und der neue „deutsche Volksheld“ (Spiegel) und Mister Protonormalism ist in mehreren Kapiteln, am exaktesten im Kapitel „Zwillingsgeschichte Zwillingsforschung“, vorerinnert. Der Held des Kapitels ist ein Zwillingsforscher, der IQs testet, sich selbst für ein Genie hält und von den Antiheldinnen, einem weiblichen Zwillingspaar, in den Wahnsinn getrieben wird. Wenn es bei dem neuerlichen Versuch, uns mit Neorassismus zu überrollen, sehr stark um Typen von Subjektivität geht, dann kann die öffentliche Vorlesung des Kapitels „Zwillingsforschung“, bei der es viel zu lachen gibt, jetzt vermutlich hilfreich sein (Lesung plus Kursessay über Normalismus und S.). InteressentInnen mögen sich melden.

Die Ursprünglichen Chaoten c/o Jürgen Link